Ich denke es hat jeder mitbekommen: Auf der heutigen Loveparade kam es zu einer Massenpanik mit inzwischen 15 Toten und hunderten Verletzten. Dieses Ereignis ist bereits einige Stunden her, noch immer läuft im Fernsehen nichts anderes als die Berichterstattung aus Duisburg (mal mehr mal weniger Sensationslüstern).
Wie sollte es anders sein? Die Onlineausgabe der Bild zeigt sich von ihrer bekannten Seite, versucht direkt auf der Startseite die Leser zu fangen und zeigt in Bildergallerien Fotos vom Unglücksort, Bilder von dort verstorbenen Menschen mit Unterschriften wie: “Die Hand im Tode verkrampft. Auch dieser Mann wurde bei der Panik vermutlich zerquetscht.”
Aufgrund dieser sensationsgeilen und meiner Meinung nach perversen und abartigen Berichterstattung werden nun Rufe nach einem Boykott des Blattes laut. Sicher, das ist nicht falsch, würde ich eine solche Zeitung lesen, ich würde sie mir morgen nicht mehr kaufen. Fakt ist aber, dass ich in meinem ganzen Leben noch keine Bild-Zeitung gekauft habe. Boykottieren kann ich die Bild also nicht.
Das ist auch schon das Problem bei dem Boykott. Die Bild wird gekauft, weil sie ist wie sie ist. Und die große Masse derer, die sich jetzt über eine derartige Berichterstattung ärgert, liest die Bild nicht. Wenn jetzt alle, die die Bild eh nicht lesen, zum Boykott aufrufen, bringt das nichts, wenn sie morgen doch wieder in der vollen Auflage gekauft wird. Und das wird sie wohl, wenn diese Bilder morgen abgedruckt werden.
Was kann man denn tun? Ganz einfach: Die Berichterstattung verstößt gegen den deutschen Pressekodex. Hier ein paar Auszüge von Ziffer 11 des Pressekodex:
Ziffer 11 – Sensationsberichterstattung, Jugendschutz
Die Presse verzichtet auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid. Die Presse beachtet den Jugendschutz.Richtlinie 11.1 – Unangemessene Darstellung
Unangemessen sensationell ist eine Darstellung, wenn in der Berichterstattung der Mensch zum Objekt, zu einem bloßen Mittel, herabgewürdigt wird. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn über einen sterbenden oder körperlich oder seelisch leidenden Menschen in einer über das öffentliche Interesse und das Informationsinteresse der Leser hinausgehenden Art und Weise berichtet wird.
Bei der Platzierung bildlicher Darstellungen von Gewalttaten und Unglücksfällen auf Titelseiten beachtet die Presse die möglichen Wirkungen auf Kinder und Jugendliche.Richtlinie 11.3 – Unglücksfälle und Katastrophen
Die Berichterstattung über Unglücksfälle und Katastrophen findet ihre Grenze im Respekt vor dem Leid von Opfern und den Gefühlen von Angehörigen. Die vom Unglück Betroffenen dürfen grundsätzlich durch die Darstellung nicht ein zweites Mal zu Opfern werden.
Und nun: Hier geht es zum Beschwerdeformular des deutschen Presserates! Ihr könnt es ausfüllen und vielleicht (oder sogar wahrscheinlich) wird es mal wieder eine Rüge gegen die Bild geben. Ob das was bringt? Wer weiß? Die Leser jedenfalls werden die Bild jedenfalls kaum boykottieren. Ich möchte hier durchaus nicht die Leser der Bild beleidigen, aber die meisten lesen diese Zeitung wegen Sensationsberichterstattung und ebensolcher Fotos von Leichen und Blaulicht.


Da hast du absolut recht. Ich boykottiere die Bild schon mein ganzes Leben lang, wenn man so will, und bis jetzt hat sie das nicht groß gestört. Dummerweise ist der Effekt einer Rüge oder ähnlichem des Presserates eben derselbe, nämlich gar keiner: Bestenfalls muss die Bild eine Entschuldigung abdrucken, die sich dann irgendwo im hinteren Teil in einer Seitenspalte wiederfindet. Und damit hat es sich dann. Der Pressekodex ist eben nichts als eine Richtlinie, die gegenüber der Pressefreiheit überhaupt keine Bedeutung hat, was an sich ja sehr begrüßenswert ist, da Pressefreiheit nun mal allgemein und allumfassend gelten muss. Dass dies der Bild ermöglicht, aus persönlichen Schicksalsfällen Kapital zu schlagen, ist wirklich ärgerlich, aber leider nicht zu ändern.
Ja, da hast auch du leider Recht, wie ich schon schrieb, Leser verlieren, also Schaden aus dem eigenen Handeln haben wird die Bild nicht. Aber immerhin würden sie es quittieren müssen und eventuell sogar ein Versteck für eine Entschuldigung suchen.
Bild ist die einzige Zeitung, die den Schrecken richtig zeigt und so zur Aufklärung beitragen wird. Was soll man vertuschen oder verharmlosen? Man muss solche Bilder zeigen, um aufzuklären und das Geschehen zu verstehen oder um Ungereimtheiten zu entdecken und nur Bild hat das für meine Begriffe geschafft. Ich war übrigens selbst auf der Treppe und bin dankbar für die Bilder und Videos auf Bild und Bild.de, es soll der Schrecken gezeigt werden für die Aufklärung und das so etwas nie wieder passiert. Niclas Meyer