Es ist doch immer wieder das gleiche Problem: Eigentlich nutzt man Linux und ist froh über die Freiheiten, die von der Community bereitgestellte Software und ein stabiles System. Doch wenn man einmal etwas speziellere Arbeiten erledigen muss, stößt man schnell an die Grenzen, weil Softwareschmieden ihre Programme lediglich für Windows und eventuell noch für Macs entwickeln, nicht aber für immernoch als Nischenprodukte behandelte Linux-Distributionen wie beispielsweise Debian.
Ein sehr gutes Beispiel dafür ist CAD (Computer Aided Design). Wo es für Windows-Rechner den riesigen und allumfassenden 3D-Modellierer CATIA von Dassault Systèmes und die (vor allem für 2D-Anwendungen) wohl bekannteste Allroundlösung AutoCAD von Autodesk gibt, findet man in den Debian-Paketquellen Dinge wie FreeCAD oder QCad, die beide eher nicht so gut zu handhaben sind und im Funktionsumfang an AutoCAD (und damit möchte ich vergleichen) nicht im geringsten herankommen.
Ich möchte hier zwei CAD-Programme vorstellen, die auch für Linux-Distributionen bereitgestellt werden und sich mit AutoCAD messen lassen.
Bricscad
Zuerst zu einer kostenpflichtigen Variante: Bricscad von Bricsys ist ein CAD-Programm, welches sowohl das Zeichnen von 2D- als auch 3D-Objekten ermöglicht. Bricscad V11 Pro für Linux wird als Version für Ubuntu (welche aber auch für Debian und andere Debian-Derivate genutzt werden kann) oder als Paket für OpenSuse und Fedora angeboten, außerdem kann es als Archiv für benutzerdefinierte Installationen heruntergeladen werden.
In der Grundversion kostet Bricscad nach einem 30-tägigen Demozeitraum 410€, die All-In-Version kostet 565€.
Bricscad kann problemlos mit Zeichnungen umgehen, die in AutoCAD erstellt wurden.
Auf den ersten Blick sieht Bricscad aus wie die klassische Ansicht von AutoCAD, die Befehle scheinen sich komplett zu gleichen, die Werkzeuge sehen zu großen Zeilen gleich aus. Auch die Bedienung ist anscheinend genau so gehalten wie in AutoCAD.
Auch die Layout- oder Papieransicht von Bricscad zeigt wenig neues, auch hier hat man sich recht streng an das Vorbild gehalten.
Gehen wir nun in die 3D-Modellierung:
Nach dem erstellen einer Region kann auch hier durch Extrusion ein 3D-Objekt erstellt werden, es können Volumenkörper rotiert werden (aus einer Fläche kann ein rundes Objekt erzeugt werden) und vieles mehr. Hier bietet Bricscad sogar umfangreichere Werkzeugkästen, als AutoCAD.
Fazit
Nach meinem kurzen Test der Software bin ich der Meinung, dass Bricscad tatsächlich ein vollwertiger AutoCAD-Ersatz für Linuxnutzer ist. Es gibt zwar einzelne grafische Fehler in der Oberfläche, diese stören aber das Arbeiten nicht. Das Scrollen während des Zeichnens (während beispielsweise eine Linie gezeichnet wird), produziert allerdings noch unschöne Skalierungsfehler in den Maßfenstern.
Wer AutoCAD gelernt hat und nun auch auf Linux ein professionelles CAD-Programm nutzen möchte, kommt mit Bricscad nach einer kurzen Einarbeitung gut klar. Übrigens gibt es Bricscad auch für Windows (und zwar günstiger als AutoCAD), doch das nur nebenbei.
Anzumerken ist noch, das Bricscad nicht wie AutoCAD gesonderte kostenlose Lizenzen für Schüler und Studierende anbietet, hier könnte man sicher noch einen großen Kundenstamm gewinnen.
DraftSight
Die andere Lösung, die ich hier vorstellen will, ist DraftSight. DraftSight wurde von den Machern von CATIA, Dassault Systèmes, hergestellt. DraftSight ermöglicht das Erstellen von zweidimensionalen Zeichnungen und ist für die Einzelplatzanwendung kostenlos. DraftSight ist derzeit in einer öffentlichen Beta-Phase.
DraftSight wird für Windows, Mac OS X (Beta), Ubuntu (Beta) oder Fedora, Suse oder Madriva angeboten. Wieder kann die Ubuntu-Version auch für Debian genutzt werden.
Auch DraftSight arbeitet problemlos mit Zeichnungen, die mit AutoCAD gemacht wurden.
Auch DraftSight bietet einen ähnlichen Anblick, wie AutoCAD. Im Gegensatz zu AutoCAD und Bricscad bietet DraftSight allerdings keine Werkzeuge für das Arbeiten an dreidimensionalen Zeichnungen, was allerdings nicht bedeutet, dass dies nicht möglich ist (durch drehen in die Seitenansicht kann eben doch die dritte Dimension hinzugefügt werden).
Auch hier ähneln sich Werkzeugpaletten, Dialoge und Befehle, einige Befehler müssen allerdings ausgeschrieben werden (statt rg muss regen genutzt werden, um die Zeichnung zu regenerieren).
Auch in DraftSight bietet die Layoutansicht keine Überraschungen, auch hier blieb man am Vorbild:
Auch die Layerauswahl von DraftSight bietet die gleichen Möglichkeiten, wie AutoCAD, einzelne Layer können ausgeschaltet oder fixiert werden.
Werfen wir noch einen Blick in den Layermanager, der abgesehen vom Layout auch die gleichen Funktionen bietet, wie AutoCAD:
Fazit
Auch DraftSight ist ein vollwertiges CAD-Programm, welches AutoCAD gut und gerne ersetzen kann. DraftSight ist im Gegensatz zu AutoCAD und Bricscad kostenlos und im Gegensatz zu Bricscad in meinem Test völlig fehlerfrei gelaufen. Wer also auf Zeichnen in der dritten Dimension verzichten kann, oder wem profanen 3D-Möglichkeiten in DraftSight reichen (also den meisten), dem sei diese Software ans Herz gelegt, denn die Entwickler von Dassault Systèmes haben ganze Arbeit geleistet.









Ich möchte mich herzlich für diesen Artikel bedanken.
Gerne
Hat er dir geholfen?
Ich habe ihn ja geschrieben, weil ich selbst seit langem auf der Suche nach vernünftigen CAD-Programmen für Debian war.
Pingback: CAD für Linux: DraftSight auf Ubuntu Oneiric Ocelot (11.10) installieren | wemaflo.net
Hey Wemaflo,
wie gut funktioniert denn die 3D Funktion von Bricscad? Ich bin auch schon seit längerem auf der Suche nach professionellen CAD Programmen für Linux, allerdings ist für mich die 3D Funktion recht wichtig. Daher bin ich eigentlich auf der Suche nach etwas vergleichbarem zu Solid Edge bzw. Solid Works. Bis 2008 gabs eine echt gute Lösung von PTC namens pro/engineer, ist aber leider für Linux eingestellt worden.
Trotzdem schonmal danke für den ausführlichen Artikel!